HAPPY END924 CARRERA GT – DER BRUCH MIT DER TRADITION

Marco Annunziata

 · 12.10.2026

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Foto: Marco Annunziata

Grace Cheungs Liebe zu Porsche beginnt mit einem Quartett. Sie wächst in Malaysia auf, wo die Marke aus Deutschlands Süden schon damals einen fast mythischen Charakter hat. In dem Autokartenspiel, das sie als Kind stundenlang mit ihrem Bruder spielt, finden sich natürlich auch einige Porsche. Es ist ihr erster Kontakt mit dem Stuttgarter Wappen – und der Beginn einer Leidenschaft. „Im Erwachsenenalter dann fielen mir auf der Straße immer die 911 auf“, erzählt Cheung. „Und irgendwie flößten die Autos mir Respekt ein. Denn sie sind nicht bloße Objekte der Begierde, sondern Maschinen, die Geschick und Aufmerksamkeit erfordern.“

Der entscheidende Moment, der Cheung zur Sammlerin macht, kommt an einem Sonntag auf dem Rückweg von einem Brunch. „Wir fuhren nach Hause, als ich diesen atemberaubenden 993 in Amarantviolett entdeckte“, erinnert sie sich. „Meine Tochter, die damals sechs Jahre alt war, rief aufgeregt vom Rücksitz: ‚Mama, ein lila Porsche!‘“ In diesem Augenblick war ihr klar, dass sie dieses Auto haben musste. „Wie es das Schicksal wollte, kannte mein Mann den Besitzer, und am Nachmittag standen wir in seiner Garage“, so Cheung. „Wir haben einen Preis ausgehandelt, und noch bevor der Tag vorbei war, gehörte der 993 uns."

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UNGEFILTERTES FAHRGEFÜHL

Es war der Anfang einer ewig währenden Leidenschaft. Weit mehr als nur ein Hobby. Sondern eine lebenslange Reise, geprägt von Neugier, Design und Emotionen. Ein Besuch in ihrer Garage in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh gleicht einem Streifzug durch eine Geschichte voller Kontraste und Verbindungen, in der Mechanik auf skulpturale Kunst trifft. Heute beherbergt die Architektin in ihrer Wahlheimat eine beeindruckende Sammlung, aus der ein Wagen besonders hervorsticht: der 924 Carrera GT von 1981. „Einer von nur 406 Wagen, die je gebaut wurden“, sagt Cheung stolz. „Und der einzige Carrera GT in Taiwan.“ Was sie an diesem Modell besonders fasziniert: dass er mit der Tradition breche. „Scharfe Proportionen, Klappscheinwerfer und ein zukunftsweisendes Fließheck verkörpern eine zielgerichtete, fast schon rohe technische Ästhetik.“ Das Fahrerlebnis unterstreicht das: Keine Servolenkung, ungefiltertes Fahrgefühl und die Vorfreude auf den Turbo belohnen Geduld und Präzision – und bieten ein Erlebnis, das sich grundlegend von dem eines 911 mit Heckmotor unterscheidet.

„DER VOM AUDI 80 ABGELEITETE TURBOMOTOR LIEFERT ZWAR KEINE SOFORTIGE LEISTUNG – DOCH AB 3.800 U/MIN, WENN DER LADEDRUCK EINSETZT, KOMMT ER RICHTIG IN FAHRT.“

Mittlerweile bietet Cheungs Garage einen Querschnitt durch die Geschichte der Marke – vom 912 aus dem Jahr 1967, der als 2,7-Liter-Sechszylinder „Outlaw“ neu interpretiert wurde, über einen 993 Turbo in Rivierablau bis hin zu einem 911 GT3 Touring aus dem Jahr 2023. Jedes Auto steht für ein Kapitel in der Entwicklung von Porsche, vom analogen Minimalismus bis hin zu moderner Leistung. Und jedes Auto spiegelt Cheungs architektonisches Gespür für Design wider.

ERLEBNISORT FÜR PORSCHE-FANS

Mit der Gestaltung des Porsche Lihpao Driving Center in Taiwan, dem ersten in Asien, konnte sie dieses Gespür auch offiziell zum Ausdruck bringen. Das Driving Center befindet sich im Lihpao Racing Park, der einzigen Rennstrecke der FIA-Klasse 2 in Taiwan, und reflektiert die Rennsporttradition, die Ingenieurskultur sowie die Verbundenheit von Porsche mit seiner Community von Enthusiasten. Es umfasst Ausstellungsflächen für Showcars, Fahrsimulatoren, Besprechungsräume, eine zentrale Lounge und ein Café – konzipiert als Ort, an dem Fans und Neulinge die Marke auch abseits der Rennstrecke erleben können. Cheung entwickelte eine maßgeschneiderte Material- und Farbpalette, die Vintage-Rennplakate, historische Lackierungen und Artefakte aus Porsche-Communities auf der ganzen Welt integ-riert. Dezente Anspielungen auf die Motorsportgeschichte von Porsche tauchen als visuelle Easter Eggs auf, darunter ikonische Lackierungen wie Martini, Gulf und das Psychedelic-Design, während die berühmte „Pink Pig“-Lackierung das Treppenhaus, das zum Fahrerlager führt, in eine vollständig immersive Umgebung verwandelt. „Als die Anfrage kam, war ich wirklich geehrt“, sagt Cheung. „Was als lockeres Kindheitsbewusstsein begann, hatte sich zu einer tiefen Leidenschaft entwickelt, die sich mit meinem Leben als Architektin verwebt.“

„DER 924 UND DER 944 GENIESSEN ZWAR NICHT DENSELBEN KULTSTATUS WIE DER 911, DOCH SIE HABEN DAS DESIGN VON SPORTCOUPÉS MASSGEBLICH GEPRÄGT.“

Einige von Cheungs Sportwagen, darunter der 924 Carrera GT, stehen in der Garage im Erdgeschoss ihres Hauses in Taipeh. In einer Stadt, in der Platz stets Mangelware ist, wurde die Garage sorgfältig mit mobilen Hebebühnen ausgestattet, sodass mehrere Autos auf einer relativ kompakten Fläche effizient übereinandergestapelt und untergebracht werden können. Für Cheung ist diese Garage nicht einfach nur ein Ort, an dem Autos geparkt werden. Sie ist ein integraler Bestandteil ihres Alltags, in dem die Sammlung präsent bleibt, anstatt versteckt zu werden. Und daran, dass ihre Liebe lebendig bleibt, lässt Grace Cheung keinen Zweifel: „Meine Porsche-Geschichte ist noch lange nicht vorbei."

​Erschienen in Ausgabe 6-2026

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